Nach knapp 6 Monaten durcharbeiten – Ausnahme ein 4-Tage Trip nach Yorkshire im Januar – ergab sich ende April endlich mal wieder ein Zeitfenster von einer Woche, das ich für einen kleinen Trip nutzen konnte. So ein Wochentrip macht sich ja immer recht gut in die Bretagne, allerdings waren die Wellenvorhersagen für diese Region für die komplette Woche unterirdisch. Andere im brauchbaren Radius liegende Regionen sahen auch nicht besser aus. Entweder es war flat oder es war starker Wind angesagt. Für die dänische Nordseeküste sollte kräftiger Nord- bis Nordwestwind blasen und das kann die Sandküste dort ja nicht so gut ab.

Französische Atlantikküste flat, Dänemark windverblasen, Norwegen zu kalt, der Wind- und Wellengott schien es nicht allzu gut mit mir zu meinen. Dann fiel mir allerdings ein, dass es durchaus eine in eineinhalb Tagen Fahr gut erreichbare Region gibt, die mit der Prognose was anfange kann. Über 5 Tage sollte relativ ordentlicher Nordswell in die Nordsee laufen, dazu Wind aus nördlichen Richtungen mit dem ein oder anderen Schwenker nach West. Gut für die englische Ostküste. Da war ich zwar erst vor kurzem, aber warum nicht. Ist ja eine schöne Ecke da, trotz der manchmal seltsam handelnden und denkenden Einheimischen.

Einen Tag vor der geplanten Abreise startete ich probehalber meinen Van. Besser gesagt, ich versuchte ihn zu starten. Die Kiste war ja 6 Monate lang nicht mehr bewegt worden und nicht sonderlich überraschend war die Batterie leer. Die ließ sich leicht laden, schwieriger war es mit der ebenfalls keinen Mucks mehr von sich gebenden Standheizung. Die bekam ich nicht mehr zum Laufen, was bedeutete, dass ich viel warme Klamotten einpacken musste.

Freitagmittag konnte ich mich dann auf den Weg machen. Als erstes fiel mir dann auf, dass meine Tankanzeige trotz gerade aufgefülltem Tank knapp über Reserve hängen blieb. Ich stellte mich also mental bereits auf viel Kopfrechnen ein und plante möglichst immer ziemlich exakt nach 400 Kilometern eine Tanke anzusteuern, um nicht irgendwo ohne Sprit liegen zu bleiben. Das Problem löste sich dann allerdings nach dem ersten Tankstopp in Holland und ein paar hart genommenen Bodenwellen. Der Schwimmer hatte sich wohl wieder gelöst und zeigte wieder an, wie viel Diesel noch im Tank war.

Ebenfalls sehr ärgerlich war, dass mein CD-Player streikte. In Deutschland war das noch erträglich, denn NDR Info kann man zumindest abends recht gut hören. Die holländischen Radiosender waren dagegen eher Folter und in Belgien und Frankreich war das Programm unwesentlich besser. Wenigstens kam ich halbwegs stau frei durch und näherte mich gegen 23 Uhr Brugge. Da ich wegen der Staurisiken auf der Stecke meine Fahrzeit nicht sicher kalkulieren konnte, hatte ich bisher noch kein Fährticket gebucht. Nun aber konnte ich meine Ankunft in Calais ausreichend genau berechnen und es war höchste Zeit zu buchen (von früheren Reisen wusste ich, dass einen Tag vor Überfahrt die Preise am günstigsten sind und dass sie am Abreisetag selbst explodieren).

Also hielt ich an und suchte mir mit meinem schlauen Telefon eine Überfahrt. Für den nächsten Morgen wurde mir ein Preis von rund 70 Euro angeboten (das ist für meinen Lastwagen sehr günstig) und ich begann mit der Buchung. Die dauerte allerdings ein bisschen wegen den ganzen Sicherheitsabfragen. Als ich da endlich durch war und die Bezahlung – vermeintlich – abgeschlossen hatte, teilte mir die Webseite plötzlich mit, dass das von mir gebuchte Angebot nicht mehr zur Verfügung stünde, weil sich die Preise geändert hatten. Preise geändert war dabei noch untertrieben, sie hatten sich fast verdoppelt. Letztlich musste ich dann wohl in den teuren Apfel beißen, denn die Vorhersage für Sonntag war galaktisch und mit etwas Glück würde der Swell schon Samstagabend die ersten Ausläufer an Yorkshires Küsten schicken.

Da die Autobahnparkplätze rund um Calais wegen der vielen Flüchtlinge in der Gegend alle gesperrt sind übernachtete ich kurz vor der französischen Grenze. Am frühen nächsten Morgen fuhr ich das verbleibende Stück zum Hafen und besorgte mir mein Ticket. Ich hatte noch Hoffnung, gleich auf die in einer halben Stunde ablegende Fähre zu kommen, doch die zerschlug sich vor der Grenzkontrolle auf der französischen Seite.

Am Sonntag sollte ein neuer Präsident gewählt werden und die Terrorangst war groß. So standen hier nun französische Soldaten mit Maschinenpistolen und kontrollierten jedes Fahrzeug. Mein Van war natürlich auch fällig und der freundliche junge Mann mit der Kanone schaute sich sehr genau darin um. Die Fähre war dann längst weg, als ich endlich die Anlegestelle erreichte und ich musste noch einmal eine Stunde warten, bis ich auf das Boot kam. Drüben in Dover wurde ich dann wieder raus gewunken und musste in eine Halle fahren. Dort stand bereits ein anderer Kleinlaster mit rumänischem Kennzeichen, aus dem die Zöllner gerade kistenweise Zigaretten ausluden, während die beiden Fahrer wie ein Häuflein Elend unter einer Wärmelampe an der Hallenwand saßen.

Der Zöllner, der meinen Van inspizierte, hatte zwar keine Maschinenpistole, war aber ebenfalls sehr freundlich und sehr ausdauernd beim Durchsuchen. Als ich die Hall endlich verlassen und mich auf den weg gen Norden machen konnte, fragte ich mich nur, wie viel MEHR Kontrolle über ihre Grenzen die Briten eigentlich noch haben wollen. Wenigstens war das Wetter o.k. und auf den noch anstehenden rund 5 Stunden Fahrt konnte ich nun britisches Radio hören. Ich wähle da immer eines der BBC Programme, auf dem viel geredet wird. Das gibt mir immer ganze gute Einblicke in die aktuellen Befindlichkeiten der Insulaner.

Nach einiger Zeit blieb ich dabei bei einer Sendung zur anstehenden Parlamentswahl hängen. Eine Kandidatenrunde aus Cornwall diskutierte und der Moderator warf die Frage auf, ob die Leute dort nicht inzwischen ihre mehrheitliche Entscheidung für den Brexit bereuten würden, da dadurch demnächst die Zuwendungen aus Brüssel versiegen würden. Die Abgeordnete der Torries bestätigte dazu mit schriller Stimme – scheint ein Markenzeichen der Politiker dieser Partei zu sein – dass es dann weniger Geld für die Entwicklung dieses wirtschaftlich abgehängten Landstriches geben würde. Das würde aber nichts ausmachen, da das weniger Geld dann ja von den Briten und damit wesentlich effizienter verwaltet werden würde.

Ich war – wieder einmal – fassungslos. Abgesehen davon, dass die Gelder der EU auch bisher schon vor Ort von lokalen Behörden und Institutionen verwaltet werden, fragte ich mich, wie man zum Beispiel die Landwirtschaft hier effizienter unterstützen könnte. Die Gegend ist nun mal geprägt von vielen Hügeln, kleinen Feldern und sehr schmalen Straßen zwischen sehr hohen Hecken. Wollte die Dame die wunderschönen Kulturlandschaften effizienter bewirtschaftbar machen, indem sie die Hecken abrasieren und breite Straßen für große Landmaschinen bauen lassen würde? Sollten die steilen Hügel planiert werden, damit man industriell Landwirtschaft betreiben konnte?

Überraschenderweise fragte keiner aus der Talkrunde nach, wie das effizientere Management von weniger Geld denn konkret aussehen sollte. Es reichte offensichtlich die Begründung, dass die Kohle nicht mehr von der EU verteilt werden wird. Stattdessen stürzte sich die kreischende Torrie Dame auf das nächste Thema. Da hatten Grüne und Lib Dems doch tatsächlich erwogen, Absprachen zu Wahlempfehlungen in einzelnen Wahlkreisen zu machen. Dazu muss man wissen, dass die britische Vorzeigedemokratie ähnlich wie in den USA nach dem Winner Takes It All Prinzip funktioniert. Die jeweiligen Wahlkreise schicken genau eine / einen Abgeordnete/n nach Westminster. Wenn der mit sagen wir mal 35 Prozent der Stimmen eine einfache Mehrheit bekommt vertritt sie / er alleine die Wähler aus dem Wahlkreis. Der Rest der Wähler ist gekniffen und bekommt keine Stimme im Parlament.

Um dem zu begegnen wollten die kleineren Parteien sich nun abstimmen und versuchen durch eine Art von Koalition vielleicht doch den ein oder anderen Kandidaten durchzubringen. Koalitionen sind auf der Insel nun nicht nur äußerst ungewöhnlich, sondern sogar verpönt. Dementsprechend war die Torrie-Dame nun richtig empört und prophezeite ein apokalyptisches Chaos für den Fall, das Koalitionen gebildet würden. Außerdem wäre es feige, wenn man nicht mit dem Ziel anträte, sich als einziger und alleine durchzusetzen. Mit fiel dazu nix mehr ein, außer dass ich nun noch besser verstand, warum das Land so in der Sche&%e feststeckt.

Aber ich schweife wieder einmal von dem Thema ab, wegen dem du dich bis hierher durch den text gekämpft hast. Zurück zu den Essentials:

Samstagabend erreichte ich eine gute Stunde vor Sonnenuntergang Scarborough. Es war sonnig und warm und in der South Bay liefen nette Longboardwellen rein. Dazu kein Wind. Ich sprang schnell ins Wasser und surfte mir die 1350 Kilometer Autofahrt hierher aus den Knochen.

Sonntag wurde so brillant wie vom Forecast versprochen. Sonne und leichter Westwind (heißt Offshore) den ganzen Tag über, dazu um die 2 Meter Swell. Low Tide am Morgen bedeutete, dass die Beachbreaks und flachen Riffe liefen. High Tide gegen Mittag brachte die Points und feuern. Low Tide am Abend ließ noch einmal die Beachbreaks richtig gut werden.

Montag begann mit Regen und kräftigem Nordwind. Dazu noch recht ordentlicher Swell, allerdings nicht genug für die vom Wind geschützten Buchten. Das Wetter war sehr wechselhaft und der Wind pendelte von Nordost (side-onshore) über Nord (side-shore) und hin und wieder Nordwest (side-offshore), das Ganze in 30-minütigen Abständen. Ich hatte Glück und erwischte einen linken Point weiter nördlich bei passender Tide und während einer kurzen Phase mit nur noch leichtem Nordwestwind. Dieses Glück währte allerdings nur sehr kurz und der Wind drehte mit der ersten dicken Wolke wieder auf onshore bei inzwischen zu hoher Tide. Die surfuntaugliche Zeit des Tages nutzte ich für viel Sightseeing und Spots checken. Abends bekam ich dann noch eine wiederum nur rund 20 Minuten dauernde Phase der Perfektion am linken Point weiter im Süden mit. Bevor ich allerdings den Denkprozess, ob ich noch mal in den Neo schlüpfen und den 15 minütigen Fußweg runter in die Bucht machen sollte, abschließen konnte, legte der Nordwind wieder los und verblies die cleanen Lines in fliegendes Weißwasser.

Dienstag gab es wieder starken Nordwind und wieder etwas größeren Swell. Es war sehr kalt geworden und ich gab mir eine Morgen Session in Southbay bei sehr starkem side-offshore. Den Rest des Tages verbrachte ich bei einem Wechsel von Sonnenschein und Wolkenbrüchen mit weiteren Erkundungen der Gegend. Abends gab ich auf und zog aus meinem Van in das Boardshed Hostel in Scarborough. Da war es gemütlicher.

Mittwoch war es noch kälter bei weiterhin kräftigem Nordwind. Sonne wechselte mit Hagelschauern und ich erkundete die Riffe im Norden. Wieder einmal ließ mich das unglaubliche Potenzial der Gegend staunen. Es gibt unzählige Riffe, die uns auf der anderen Seite des Teichs vor Freude weinen lassen würden. Hier bleiben die meisten ungesurft, wenn der Weg ans Wasser etwas länger dauert. Allerdings sind wegen der Steilküste viele Riffe auch kaum zugänglich. Mit einem Boot und einer guten Surfer Crew könnte man hier tagelang jeden Tag ein neues Riff surfen.

Am späten Nachmittag durfte ich noch einmal erleben, wie ungerecht doch die Surfer Ressourcen in der Nordsee verteilt sind. Es blies ein sehr kräftiger Nordwind heißt side-shore Wind. Der Swell war groß. Trotz des deftigen Winds schaffte es DER Point das Ganze in endlos lange, überkopfhohe Linke zu verwandeln, die sehr schön surfbar waren, wenn man über die notwendige übermenschliche Paddelpower verfügte.

Donnerstagmorgen war leichter Offshore im Angebot bei typisch grauem englischen Nieselregenwetter. Für mich gab das eine nette Longboardsession in der North Bay, allerdings wieder nicht allzu lange, denn bald drehte der Wind auf Nordost. Nachmittags verbrachte ich dann wieder an DEM Point. Der sah von oben trotz kleinem Swell und sehr niedriger Tide surfbar aus und war gleichzeitig der einzige Platz, an dem genug Schutz vor dem Wind war. Draußen im Lineup war ich dann alleine und stellte fest, dass die Wellen bis zu brusthoch waren. Sie liefen auch gut, begannen aber in knietiefem Wasser über fiesen Felsen zu brechen. Ohne Helm und ganz alleine war mir da ein bisschen mulmig und ich begnügte mich damit, ein paar Wellen von der Schulter aus zu nehmen.

Ab Freitag versprach der Forecast nichts Brauchbares mehr und ich wechselte noch einmal für 3 Tage die Küste. Aber das ist eine andere Geschichte.

Insgesamt hatte ich 5 Tage durchgängig Swell, oftmals zu groß für meine derzeitigen Surf Skills. Die Wellen hatten trotz des vielen starken Sideshore Winds eine Qualität, die man auf unserer Seite der Nordsee nicht einmal annähernd so findet. Zerklüftete Küsten mit vielen Riffen und Schutz vor dem Windgebenden Klippen sind halt durch nichts zu ersetzen. Ja, das Gras ist deutlich grüner auf der anderen Seite des Teichs.

Mehr Bilder von dem Trip findest du hier >>>

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Na na Tom

matthias2 on Sa, 06/10/2017 - 15:54
nicht zweifeln, auch wenn viele fauler geworden sind Kommentare zu schreiben oder im Forum mitzuwirken, so sind wir doch da und genießen jeden Blog hier von euch. Ich für meinen Teil habe während des Lesens beschlossen mal wieder den Arsch hochzubekommen und einen Kurztrip anzugehen......
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dann hat sich das ja gelohnt,

tripmaster on Sa, 06/10/2017 - 17:45

das Schreiben und bilder bearbeiten ;=)

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Du weißt doch Tom...

coldwaves on Mo, 06/12/2017 - 21:25

...einfach konsumieren ist einfacher, als dann auch noch feedback geben. Macht dennoch Spaß.

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Yes...

coldwaves on Fr, 06/09/2017 - 15:51

...mal wieder ein klasse Bericht Tom und tolle Fotos. Bin doch ein klein wenig neidisch :-)

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Danke!

tripmaster on Fr, 06/09/2017 - 16:48

Wenigstens einer, dem das gut genug gefällt um ei paar Zeilen zu hinterlassen ;=)